Schöne neue Handywelt

Es ist einfach nicht mehr wegzudenken. Vielleicht war es der schnellste Entwicklungsschritt in unserer Evolutionsgeschichte. Das Anwachsen des Handys, die vollständige Verschmelzung mit einem Werkzeug der Postmoderne. Es gehört nach nur zwei Jahrzehnten ganz selbstverständlich zu uns, hat sich eingenistet in alle Lebensbereiche. In die Art, wie wir uns fortbewegen, uns austauschen, wie wir zu Bettgehen und aufwachen, Autos steuern und durch die Straßen laufen. Das Handy, dieses Wunderding, hat alles Denkbare verändert.

Eine verlässliche Eigenschaft des menschlichen Körpers ist es, in Extremsituationen lebenswichtige Funktionen aufrecht zu erhalten. Bei Erfrierung beispielsweise schlägt das Herz, atmen die Lungen, fließt der kleine Blutkreislauf auf Sparflamme bis zum Exitus. Seit wir mit dem Handy verwachsen sind, versorgt der Körper in Notlagen auch die Fingerspitzen und den Hirnlappen, so dass es für ein Tippen auf der kleinen Mattscheibe gerade noch ausreicht, um z.B. ein Foto auf Instagram zu posten. Ein Foto, wie wir schlapp und hilflos über einem Abgrund hängen oder unter einem Baumstamm liegen, damit unsere digitalen Freunde dieses letzte Lebenszeichen teilen, wenigstens aber liken können.

An der Ampel vor mir steht ein Schuljunge. Quasselnd, lachend, tippend, auf irgendeine Weise mit anderen Rotzlöffeln verkabelt. Das Grünlicht hat er nicht angefordert. Hat dieser junge, postmoderne Sapiens eigentlich schon bemerkt, dass um ihn herum der Herbst ausgebrochen ist? Dass die Natur, durch die er zur Schule geht, prahlt, verschwendet, malt und um seine Aufmerksamkeit buhlt? Dass die Farbenpracht am Morgen unter tiefblauem Himmel als derart reichlich, reif, fast endzeitlich betrachtet werden kann, während er an der Ampel stehend spielt, Unterstützung für Schulaufgaben anfordert oder unnützes Zeug bei Ebay vertickt?

„Augenblick! Entschuldigen Sie mich! Einen Moment bitte!“ Das sind die üblichen Entschuldigungssalven, die wir immer öfter zu hören bekommen, wenn wir gemütlich und gut gelaunt beisammen sitzen, an einem Kaffeetisch, in der Theatersitzreihe, in einem Konferenzraum, ehe sich ein Plötzlich-Telefonierer erhebt, sich umständlich an uns vorbei drückt - jeder einzelne muss sich jetzt erheben - bis er zurückkommt, überlegen lächelnd, sich nach allen Seiten entschuldigend für seine smarte Unterbrechung. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum immer jene Menschen Aufmerksamkeit erhalten, die via Telefon auf Postämtern, in Bäckereien, an Rezeptionen, in Arztpraxen mitten hineinfunken? Wofür man früher eigens aufgestellte gelbe und später magenta-farbene Zellen aufsuchen musste, reicht heute ein Griff in die Hosentasche und der Chef, die Kinder, die Mutter oder die Geliebte sind live dabei. Und glauben Sie mir: derartige Unterbrechungen werden nicht seltener werden.

Arme Hunde! Seit Ausbruch der Handymanie, sind sie auf dem Abstellgleis, vielleicht die wahren Verlierer des technischen Fortschritts. Ich habe oft den Verdacht, dass in Wahrheit das Handy ausgeführt wird. Dass dieser smarte Körperteil der Grund dafür ist, sich einen Hund anzuschaffen, um bei Wind und Wetter, in aller Herrgottsfrühe und nach Mitternacht, hinaus zu dürfen, um sich auf abgeschiedenen Wegen Chats, Mails, News, Tweets und Posts hingeben zu können. Sind wir ehrlich: der Vierbeiner ist zum lästigen Anhängsel verkommen, ab und zu spürbar durch ein Zerren an der Leine, mehr nicht. Da hilft kein Vor-die-Füße-Legen eines zerbissenen Spielgeräts, kein noch so sperriger Stock im halb geöffneten Maul, kein treudoofer Hundeblick aus der Tiefe. Zwischen Tier und Gebieter hat sich endgültig das kleine Mobile geschoben. 

Arme Kinder! Man nehme den gerade gelesenen Absatz und ersetze das Wort „Hund“ durch „Kind“. Und gelange so zur nächsten gravierenden Veränderung. Meist sind es Kinderwagen oder Buggy schiebene Eltern, die ihre Brut vollkommen abwesend durch die neuere Weltgeschichte steuern. 

Fazit: Einst haben wir das Handy geschaffen, haben es gemacht. Heute macht das Handy etwas mit uns. Schöne neue Handy-Welt. Und alle wollen dabei sein.

(nw, 20.11.2017)